Neurodivergente Menschen erleben meist Unverständnis, Stigmatisierung und Pathologisierung im System. Egal, ob im Bildungswesen- , Gesundheit- oder auch Familiensystem. Gesellschaftliche Strukturen setzen auf Normierung statt auf Vielfalt. Neurodivergente Menschen werden daher eher ausgegrenzt, statt dass Entfaltungsmöglichkeiten für ihre Potentiale und Stärken geschaffen werden.

Der ganzheitliche systemische Blick ermöglicht es diese Lücken im System zu erkennen und daraufhin zu wirken, gesellschaftliche Strukturen zu verändern, sodass neurodivergente Menschen weniger Leidensdruck erfahren. Darüber hinaus werden in der systemischen Betrachtungsweise Ressourcen und Stärken sowie individuelle Lösungsansätze statt Defizite in den Fokus gerückt. Neurodivergenz wird nicht als Störung begriffen. Der systemische Ansatz fragt dagegen, in welchem Kontext Schwierigkeiten entstehen und in welchem Kontext in der Neurodivergenz auch eine Kraft liegt? Es geht nicht darum, die Person „anzupassen“, sondern die Umgebung (z.B. durch Reizreduktion, klare Kommunikation und Aufgabenverteilung) und die Stärken zu nutzen (z.B. die Kreativität, die Detailgenauigkeit).
Die systemische Beratung dient auch dazu, Missverständnisse in zwischenmenschlichen Beziehungen zu klären. Durch die nicht-normativen Wahrnehmungs- und Verarbeitungsmuster neuordivergenter Menschen kann es besonders häufig zu Missverständnissen und Konflikten kommen. Daher ist es wichtig, Unterschiede verständlich zu machen und nicht zu bewerten. Vermeintliches Fehlverhalten oder Unvermögen kann dann eher als Individuelle Belastungsgrenzen statt als mangelnder Willen der Person betrachtet werden.
Gerade Eltern neurodivergenter Kinder stellen sich oftmals die Frage, ob sie in der Erziehung etwas falsch gemacht haben. Genau dieser Vorwurf wird ihnen oftmals auch vom Umfeld gemacht. Dabei entsteht Neurodivergenz nicht durch Erziehungsversagen. Entscheidend sind vor allem genetische und neurobiologische Faktoren. Psychosoziale Faktoren können die Entwicklung und Ausprägung zwar behindern oder begünstigen, sind jedoch nicht die Ursache für Neurodivergenz. Es zeigt sich also, dass nicht nur die neurodivergente Person mit Herausforderungen in unserem auf Anpassung ausgerichteten System konfrontiert ist, sondern auch ihr gesamtes Umfeld. Daher ist es wichtig, dieses auch in die Beratung einzubeziehen.
Durch den ganzheitlichen, systemischen Blick werden individuelle Handlungsoptionen und Lösungsmöglichkeiten erweitert sowie mehr gegenseitiges Verständnis in Beziehungen geschaffen, was zu weniger Missverständnissen und Konflikten führt.. Es wird aber auch auf die gesamtgesellschaftliche Verantwortung verwiesen, bestehende Strukturen zu hinterfragen und ggf. anzupassen, sodass Pluralität als echte Ressource verstanden wird.

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